Nachfolge statt Neugründung?
Warum bestehende Unternehmen für Gründer eine riesige Chance sein können
Viele Menschen verbinden das Thema Gründung automatisch mit einer komplett neuen Geschäftsidee. Ein eigenes Unternehmen von Grund auf aufbauen, eine Marke entwickeln, erste Kunden gewinnen und sich Schritt für Schritt am Markt etablieren. Das ist für viele das klassische Bild vom Unternehmertum. Doch es gibt eine Alternative, die oft unterschätzt wird und in den kommenden Jahren immer wichtiger werden dürfte: die Unternehmensnachfolge.
In unserem Podcast „Die Gründungsbegleiter“ sprechen Roland und Christoph über genau dieses Thema und zeigen, warum die Übernahme eines bestehenden Unternehmens für viele Gründer eine echte Chance sein kann.
Warum das Thema aktuell so wichtig ist
Deutschland steht vor einem großen demografischen Wandel. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer der Babyboomer-Generation erreichen in den nächsten Jahren das Rentenalter. Damit stellt sich für tausende Betriebe die Frage, wer das Unternehmen weiterführt. Besonders in Ostdeutschland kommt ein zusätzlicher Effekt hinzu. Viele Unternehmen wurden nach der Wende zwischen 1990 und 1994 gegründet oder privatisiert. Genau diese Unternehmergeneration steht heute gleichzeitig vor der Übergabe ihres Betriebs.
Das führt dazu, dass aktuell deutlich mehr Unternehmen zur Übernahme bereitstehen als Menschen, die sich eine Nachfolge überhaupt vorstellen können.
Nicht bei null anfangen
Der wohl größte Vorteil einer Unternehmensnachfolge besteht darin, dass man nicht komplett bei null startet. Wer ein bestehendes Unternehmen übernimmt, profitiert häufig bereits von vorhandenen Kundenbeziehungen, funktionierenden Prozessen, etablierten Lieferanten und einer bestehenden Marktposition. Während klassische Gründer oft viel Zeit und Geld investieren müssen, um überhaupt sichtbar zu werden, existiert bei einer Nachfolge bereits ein gewisses Vertrauen im Markt. Gerade Vertrauen und Bekanntheit sind Faktoren, die viele unterschätzen. Ein Unternehmen über Jahre am Markt aufzubauen kostet enorme Ressourcen.
Nachfolge muss nicht „großes Unternehmen“ bedeuten
Viele denken bei Unternehmensnachfolge sofort an große Firmen mit komplizierten Strukturen und vielen Mitarbeitenden. Tatsächlich gibt es aber auch zahlreiche kleinere Betriebe oder Einzelunternehmen, die Nachfolger suchen.
Ein Beispiel dafür sind Versicherungsmakler, die in den Ruhestand gehen und ihren Kundenbestand übergeben möchten. In solchen Fällen übernimmt der Nachfolger oft keine große Firma mit dutzenden Mitarbeitenden, sondern vor allem bestehende Kundenbeziehungen und ein laufendes Geschäft. Gerade für Menschen, die sich selbstständig machen möchten, aber noch keine konkrete Geschäftsidee haben, kann das eine spannende Möglichkeit sein.
Trotzdem braucht es Veränderungsbereitschaft
Natürlich bringt eine Unternehmensübernahme auch Herausforderungen mit sich. Viele Betriebe arbeiten seit Jahren oder Jahrzehnten mit gewachsenen Strukturen und etablierten Abläufen. Nicht alles davon ist automatisch modern oder effizient. Prozesse können veraltet sein und Mitarbeitende müssen häufig erst an Veränderungen herangeführt werden.
Wer ein Unternehmen übernimmt, sollte sich deshalb fragen, wie das Unternehmen langfristig weiterentwickelt werden kann. Digitalisierung, moderne Prozesse oder neue Geschäftsmodelle spielen dabei oft eine wichtige Rolle. Gleichzeitig übernimmt man nicht nur das Unternehmen selbst, sondern häufig auch Verantwortung für Mitarbeitende, Kunden und bestehende Strukturen.
Wo findet man überhaupt Unternehmen zur Übernahme?
Eine Frage, die viele beschäftigt, lautet: Wie findet man überhaupt Unternehmen, die einen Nachfolger suchen? Schließlich kommunizieren die wenigsten Unternehmer öffentlich, dass sie ihren Betrieb abgeben möchten. Das könnte Unsicherheit bei Kunden, Mitarbeitenden oder Wettbewerbern auslösen.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, passende Unternehmen zu finden. Besonders wichtig sind Nachfolgebörsen wie nexxt-change oder die Deutsche Unternehmensbörse. Auch Unternehmensberater und Nachfolgeberater spielen häufig eine wichtige Rolle, da viele Betriebe gar nicht öffentlich inseriert werden. Darüber hinaus kann auch die direkte Ansprache von Unternehmen sinnvoll sein.
Wie läuft eine Unternehmensnachfolge ab?
Eine Nachfolge ist meist deutlich komplexer als eine klassische Neugründung und sollte deshalb gut vorbereitet werden. In der Regel beginnt der Prozess damit, passende Unternehmen zu identifizieren und erste Gespräche zu führen. Danach folgen die Prüfung der Unternehmenszahlen, Gespräche mit Beratern sowie Verhandlungen über den Kaufpreis und die zukünftige Zusammenarbeit.
Besonders wichtig ist dabei die sogenannte Due Diligence. Dabei werden rechtliche, finanzielle und steuerliche Risiken geprüft, bevor es tatsächlich zur Übernahme kommt.
Finanzierung: Es muss nicht alles sofort bezahlt werden
Viele angehende Gründer schrecken zunächst vor möglichen Kaufpreisen zurück. Allerdings kann die Unternehmensnachfolge häufig flexibel finanziert werden. Förderkredite, staatliche Unterstützungen oder Verkäuferdarlehen spielen dabei oft eine wichtige Rolle.
Gerade Verkäuferdarlehen kommen in der Praxis häufig vor. Dabei finanziert der bisherige Eigentümer einen Teil des Kaufpreises mit und erhält das Geld über einen längeren Zeitraum zurück. Dadurch sinkt die finanzielle Einstiegshürde für den Nachfolger erheblich. Gleichzeitig prüfen Banken, ob das Unternehmen langfristig in der Lage ist, die Finanzierung auch tatsächlich zu tragen.
Fazit: Nachfolge als echte Gründungsalternative
Die Unternehmensnachfolge wird in den kommenden Jahren immer relevanter werden. Durch den demografischen Wandel stehen tausende Unternehmen vor der Übergabe und gleichzeitig fehlen vielerorts geeignete Nachfolger.
Für Gründer bietet sich dadurch die Chance, nicht bei null anfangen zu müssen, sondern auf bestehenden Strukturen aufzubauen. Gleichzeitig erfordert eine Nachfolge aber auch strategisches Denken, sorgfältige Planung und die Bereitschaft, Verantwortung für ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen.
Manchmal liegt die bessere Geschäftsidee nicht darin, etwas komplett Neues aufzubauen, sondern darin, ein bestehendes Unternehmen erfolgreich weiterzuführen.
