Gründen Frauen anders?

Gründen Frauen anders?

Das sagen Praxis und Studien.

Wenn wir über Frauen in der Gründungs-Welt sprechen, landen wir schnell bei persönlichen Einschätzungen. Erfahrungen aus der Praxis sind extrem wichtig, aber sie reichen allein nicht aus, um ein vollständiges Bild zu zeichnen. Ein Blick auf aktuelle Studien wie den Female Founders Report, dem Global Entrepreneurship Monitor und weitere Erhebungen zeigt nämlich: Die Unterschiede, über die wir oft diskutieren, sind nicht nur subjektiv wahrgenommen – sie spiegeln sich auch in Zahlen wider.

Frauen starten später

Der Female Founders Monitor zeigt deutlich, dass Frauen im Startup-Ökosystem weiterhin unterrepräsentiert sind. Während Frauen bei allgemeinen Unternehmensgründungen einen deutlich größeren Anteil ausmachen, sind sie im Startup-Bereich seltener vertreten. Gleichzeitig wird sichtbar, dass Unternehmertum für viele Frauen erst später zu einer realistischen Option wird. Männer setzen sich häufig früher mit der Idee auseinander, ein eigenes Unternehmen zu gründen, während Frauen diesen Schritt oft erst nach ersten Berufserfahrungen in Betracht ziehen.

Frauen gründen mit weniger Kapital – unfreiwillig

Das Startup-Ökosystem ist nach wie vor stark von männlich geprägten Netzwerken dominiert. Zugang zu Kapital und wichtigen Kontakten entsteht häufig innerhalb dieser bestehenden Strukturen. Dabei spielt auch die psychologische Ebene in Finanzierungsgesprächen eine entscheidende Rolle. Studien der Harvard Business Review zeigen ein klares Muster: Investoren stellen Männern und Frauen oft grundlegend unterschiedliche Fragen. Während Männer tendenziell nach ihren Visionen und Wachstumschancen gefragt werden („Promotion-Fragen“), müssen sich Frauen häufiger gegen Risiken verteidigen und erklären, wie sie Verluste vermeiden wollen („Prevention-Fragen“). Wer jedoch defensiv antworten muss, hat weniger Raum, seine Vision glänzen zu lassen. Dieser subtile Unterschied in der Gesprächsführung führt statistisch gesehen dazu, dass Frauen deutlich weniger Kapital einsammeln – unabhängig von der Qualität ihres Geschäftsmodells.

Beim Thema Finanzierung wird die Diskrepanz besonders deutlich. Der Großteil des Venture Capitals fließt weiterhin in rein männliche Teams. Doch die Daten zeigen ein Paradoxon: Studien der Boston Consulting Group (BCG) belegen, dass Startups von Frauen oft effizienter wirtschaften. Pro investiertem Dollar generierten sie in der Analyse 78 Cent Umsatz, während rein männliche Teams nur 31 Cent erzielten.

Frauen gründen mit Purpose

Neben den äußeren Faktoren spielt die inhaltliche Ausrichtung eine Rolle. Frauen beziehen signifikant häufiger soziale und ökologische Aspekte in ihre Geschäftsmodelle ein. Laut dem Global Entrepreneurship Monitor (GEM) setzen über 70 % der Gründerinnen auf ökologische Nachhaltigkeit. Ihr Handeln ist oft stärker von einem „Purpose“, einer gesellschaftlichen Sinnhaftigkeit, getrieben.

Das spiegelt sich auch im Entscheidungsverhalten wider: Frauen sichern Entscheidungen häufig stärker ab und investieren mehr Zeit in die Vorbereitung. Während Männer tendenziell schneller ins Handeln kommen und sich auf Chancen fokussieren, berücksichtigen Frauen Herausforderungen oft früher im Prozess. Beides sind wertvolle Ansätze, die je nach Phase des Unternehmens unterschiedliche Vorteile bringen.

Vereinbarkeit bleibt meist Frauensache

Ein entscheidender Faktor bleibt die Vereinbarkeit von Unternehmertum und Familie. Der Female Founders Monitor macht deutlich, dass dieses Thema für Frauen eine weitaus größere Rolle spielt. Viele Gründerinnen tragen weiterhin den Hauptteil der familiären Verantwortung und müssen diese in ihre unternehmerische Planung integrieren. Das beeinflusst nicht nur den Zeitpunkt der Gründung, sondern oft auch das Tempo, in dem Unternehmen aufgebaut werden.

Fazit: Ja, Frauen gründen anders. Aber …

Trotz dieser Hürden gibt es eine klare Aufwärtskurve. Immer mehr Frauen entscheiden sich bewusst für die Selbstständigkeit – für mehr Flexibilität und finanzielle Unabhängigkeit. Die Frage, ob Frauen anders gründen, lässt sich mit Ja beantworten. Aber: Sie gründen nicht anders, weil sie es „müssen“, sondern weil die Rahmenbedingungen es oft erzwingen.

Wer echte Innovation will, muss diese Unterschiede verstehen. Es braucht eine bessere Vereinbarkeit, mehr Sichtbarkeit für Vorbilder und eine ausgewogenere Verteilung von Kapital. Davon profitiert am Ende das gesamte Ökosystem.

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